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November 23, 2017

Das „Goldwand“-Kunstprojekt im Hamburger Stadtteil Veddel — RT Deutsch


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Konzeptkünstler Boran Burchhardt möchte in dem Hamburger Stadtteil mit den meisten Sozialhilfeempfängern eine Wand mit Blattgold dekorieren – mit Geld der öffentlichen Hand. „Kommunikation“ sei der Sinn dahinter. Da hat er Recht – nur nicht so, wie er denkt.

von Timo Kirez

Die so genannte Konzeptkunst ist eine relativ junge Kunstrichtung aus den 1960er Jahren. Ihren Ursprung hat sie in der Minimal Art. Grob formuliert geht es in der Konzeptkunst darum, jegliches Zeichen des Künstlers zu negieren, ebenso wie jedwede bildlich-darstellende Aussage.

Das Werk soll lediglich das Konzept des Künstlers, das heißt also den geistigen Vorgang visualisieren. Ein Beispiel, das einen guten Zugang zu dieser Kunstrichtung erlaubt, sind die Arbeiten des 2014 verstorbenen japanischen Künstlers On Kawara.

Kawara reduzierte sein künstlerisches Werk auf ein System, das es ihm erlaubte, die zeitliche Dauer und die räumlichen Ausformungen seines Lebens in Kunst zu verwandeln. Wesentliches Thema seiner Arbeiten sind Zeit und Zeitlichkeit. So verschickte Kawara in der Zeit von 1968 bis 1979 unter dem Titel „I GOT UP AT“ jeden Tag an zwei verschiedene Personen jeweils dieselbe Postkarte. Diese Karte stellte jeweils den Ort dar, an dem sich der Künstler aktuell befand. Die Karte war jeweils mit dem Datum, dem Schriftzug „I GOT UP AT“ und dem aufgedruckten minutengenauen Zeitpunkt des Aufstehens versehen.

Eine der Serien mit Datumsbildern von On Kawara.

Der renommierte Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Jean-Christoph Amann schrieb einmal über Kawara:

Wenn wir hierzulande die Retrospektive eines Künstlers betrachten, stellen wir fest, wie dieser in seinem Schaffen über viele Jahre hinweg reift oder altert. Im Falle von On Kawara ist es umgekehrt: Die in der Form gleichbleibenden, sich nur im Datum verändernden Bilder über 25 Jahre konfrontieren uns selbst mit dem Älterwerden. In einem Museum, das so viele Stile, Tendenzen und Sprachen vereinigt, ist dieser gleichbleibende, gewissermaßen zeitlose Duktus, der Geschehnisse und Emotionen in einem einzigen Datum verdichtet, von entscheidender, meditativer Bedeutung. Die Zeit steht irgendwie still in diesen Bildern, in denen man mehr die eigene Geschichte abliest als die Geschichte der Bilder rezipiert.

Mehr lesen: Pro und Contra: Das umstrittene Aleppo-Kunstprojekt in Dresden

Entsteht Kunst am Ende einzig kraft Ausstellung?

Ein weiteres Beispiel ist das Werk „Fountain“ des französischen Künstlers Marcel Duchamp. Ein handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft, das mit „R. Mutt“ signiert war, 1917 im New Yorker Grand Central Palace ausgestellt wurde und für heftige Diskussion sorgte. Duchamp selbst sprach von einer „Nicht-Ausstellung“. Die Aktion führte zu einer bis heute andauernden Kontroverse über den Kunstbegriff. Wird alles, das ausgestellt wird, einfach durch die Tatsache, dass es ausgestellt wird, zu Kunst?

Die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Sherrie Levine präsentierte 2010 ihre eigene Version von Marcel Duchamps „Fountain“ in der Whitechachape Galery in London. Sie nannte ihr goldenes Urinoir „Fountain (Buddha).“

Ein wichtiger Bestandteil der Konzeptkunst, oder generell der zeitgenössischen Kunst, ist der Kontext. Manchmal ist die Kontextualisierung sogar wichtiger als das Kunstwerk selbst. Auch in dem Kunstprojekt von Boran Burchhardt in Hamburg-Veddel spielt der Kontext eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. Der Künstler, der seit über einem Jahr dank eines Stipendiums der Wohnungsbaugesellschaft Saga selbst in dem Stadtteil lebt, möchte die Wand eines Wohnhauses vergolden. Dafür hat ihm die Hamburger Kulturbehörde exakt 85.621,90 Euro an Fördermitteln zugesagt. Bei der Wand handelt es sich um die Backsteinfassade eines Saga-Mietshauses an der Brückenstraße 152.

Der Kontext der Kunstaktion ist schnell erzählt und ausschlaggebend dafür, dass viele Menschen das Vorhaben zum Teil angewidert ablehnen. Der Hamburger Stadtteil Veddel ist ein so genanntes Problemviertel. Hier leben die meisten Sozialhilfeempfänger der Stadt. Zwar ist es in Veddel nicht mehr so schlimm wie um die Jahrtausendwende, als der Stadtteil in einem Sumpf von Kriminalität zu versinken drohte, doch im Vergleich zu betuchteren Ecken wie Eppendorf oder Winterhude bleibt Veddel nach wie vor ein soziales Sorgenkind.

Mit dem Holzhammer aus der Schmuddelecke

Darf Kunst in diesem Kontext eine Wand vergolden, könnte man jetzt Fragen. Doch schon die Frage ist falsch. Denn hier geht es weniger um Kunst, dafür umso mehr um Marketing. Das ergibt sich schon aus der Ausschreibung des Stipendiums für den Künstler. Seit Januar 2016 ist Boran Burchhardt Stipendiat der Stiftung Nachbarschaft der stadteigenen Wohnungsgenossenschaft Saga. Als Ziel des Stipendiums gibt die Wohnungsbaugesellschaft in den Statuten unter anderem an, eine „verbesserte Außenwahrnehmung“ von Veddel erreichen zu wollen, aber auch

die Förderung eines niedrigschwelligen Zugangs von Stadtteilbewohnern zur Kunst sowie einer positiven Identifikation mit ihrem Stadtteil.

Zudem verlangt die Stiftung, dass der Künstler die Bewohner „im kreativen Prozess aktiv anspricht und einbindet“. Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete in einem Artikel zu der Kunstaktion von einer Sitzung des Veddeler Stadtteilbeirats, in der ungefähr vierzig anwesende Einwohner von Veddel offenbar in deutlicher Weise ihrem Ärger Luft verschafft haben. „Ich lebe von ALG II“, soll eine Frau gesagt haben. So viel Geld für so eine Wand zu „verbrennen“, das finde sie „total zynisch“. Ein Student soll dem Künstler zugerufen haben:

Dich will hier eh niemand haben!

Und:

Du hast den Auftrag verfehlt, du hättest erst mit den Leuten sprechen sollen!

Laut der „Zeit“ beteuerte der Künstler in der Sitzung zwar, dass er das vorgehabt habe, doch das Konzept sei vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt. Schuld daran soll ein Bezirkspolitiker der SPD gewesen sein, der Mitglied der Kunstkommission war, welche das Projekt genehmigt hat. Und wie es heutzutage so ist, ließ der öffentliche Aufschrei, mittlerweile Shitstorm genannt, nicht lange auf sich warten.

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Plötzlich waren immer schon alle dagegen

Die ersten, die sich distanzierten, waren Politik und Bund der Steuerzahler. Der SPD-Vizefraktionschef in Hamburg-Mitte, Klaus Lübke, fand, dass die Vergoldung der Hauswand überhaupt nicht zum Stadtteil passt und überflüssig ist. Auch Michael Osterburg, Grünen-Fraktionschef im Bezirk Mitte, monierte: „Das ist ein falsches Zeichen“. Sabine Glawe vom Bund der Steuerzahler fand:

Es ist kaum zu glauben, wofür in unserer hoch verschuldeten Stadt plötzlich Geld da ist.

Solange viele soziale Einrichtungen aus finanziellen Gründen von der Schließung bedroht seien, sei das Projekt

Hohn gegenüber den hilfsbedürftigen Menschen dieser Stadt.

Plötzlich war die Wohnungsbaugesellschaft Saga in der Defensive und verteidigte die Aktion. Sprecher Michael Ahrens sagte gegenüber „Die Welt“:

Kunst und Kultur bringen Menschen zusammen, regen zu Diskussionen an und stärken die Identifikation mit dem Quartier.

Auch Björn Ruhkieck, Mitarbeiter der Saga-eigenen Beratungsstelle Pro Quartier, die für den Stadtteilkünstler auf der Veddel zuständig ist, findet:

Die goldene Wand hat den Blick von außen jetzt schon verändert.

Und er ergänzte:

Früher haben die Leute immer an Armut und Kriminalität gedacht, jetzt sagen sie: Die Veddel, ist das nicht der Stadtteil mit der Goldwand?

Der Künstler selbst sagte gegenüber der Deutschen Presse Agentur (dpa):

Der Sinn des Projektes ist Kommunikation.

Es gehe darum, Wirkung zu erzielen für einen Stadtteil, der sonst oft in einem negativen Kontext auftauche. Aus der Kunstszene habe er schon viele positive Rückmeldungen bekommen. Und in der Tat sind sich einige Repräsentanten der Kunstszene nicht zu schade, dem Projekt höhere Weihen angedeihen zu lassen. So zum Beispiel auch Bettina Steinbrügge, Chefin des Hamburger Kunstvereins, die in der Kunstkommission der Kulturbehörde sitzt und das Projekt der goldenen Wand mit ausgewählt hat. Sie wird in dem Beitrag der „Zeit“ mit den Worten zitiert:

Kunst muss auch zwischendurch mal etwas behaupten, woran sich die Menschen reiben können.

Und weiter:

Kunst muss auch nerven und Streit verursachen.

„Konzeptkunst“ klingt besser als teure PR

Man dürfe Kultur nicht darauf reduzieren, dass sie zu etwas zu gebrauchen sei. Doch leider muss man erwidern, dass genau das der Fall ist. Denn es handelt sich hier um Gebrauchskunst im Auftrag der Stadt und einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Eine Kunstdiskussion ist von daher völlig fehl am Platz. Hier geht einzig und allein um Imagepflege. Ein negativ besetztes Bild soll mit Blattgold übertüncht werden. In der Regel sind für solche Aufgaben Werbeagenturen zuständig, doch die Grenze zwischen so genannten Berufs-Kreativen und Künstlern ist in den letzten Jahrzehnten fließend geworden.

Dass man nun das Aufpolieren des Images eines schwierigen Stadtteils als Konzeptkunst verkaufen möchte, ist schlichtweg peinlich. Tourismuswerbung trifft es besser. Wie übrigens auch im Fall der sündhaft teuren Hamburger Elbphilharmonie. In Zeiten, wo ein jeder in Konkurrenz zu allen anderen steht, müssen auch Städte sich zurechtschminken. Schließlich sieht sich Hamburg immer noch als „Tor zur Welt“.

Auch die Ernennung von Chris Dercon zum Leiter der Berliner Volksbühne folgt demselben Muster. Schließlich war Dercon mal Leiter des Londoner Museums Tate Modern. Und da sich auch Berlin im Wettbewerb mit Metropolen wie New York, Paris, London und Tokio sieht, wird geklotzt und nicht gekleckert.

Burchhardt hat also Recht, wenn er davon spricht, dass der Sinn seines Werks die Kommunikation sei. Nur nicht in dem Sinne, wie er es sich denkt. Es handelt sich um Unternehmenskommunikation – in diesem Fall für einen staatlichen Auftraggeber. Wir können nur ahnen, was ein Künstler mit einem glaubwürdigen sozialen Impetus, wie zum Beispiel der 1986 verstorbene Joseph Beuys, in Veddel so alles veranstaltet hätte. Als Gehilfe für eine Imagekampagne hätte er sich auf jeden Fall nicht vereinnahmen lassen.

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