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Dezember 16, 2017

Die Hände des Che Guevara – eine groteske Fußnote zum 50. Jahrestag seines Todes | NachDenkSeiten – Die kritische Website


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Die Hände des Che Guevara – eine groteske Fußnote zum 50. Jahrestag seines Todes


Veröffentlicht in: Das kritische Tagebuch

Über Ernesto Guevara de la Serna, genannt der Che, zu schreiben, ist ein Wagnis oder vergeudete Mühe. Ist etwa seit seinem Tod nicht alles über ihn gesagt worden? Nein doch, Che!, würde ein beredter Argentinier an dieser Stelle mit den magischen drei Buchstaben ins Wort fallen. Che ist ein Zwischenruf, über dessen Etymologie sich allerdings die Geister streiten. Er könnte italienischen, iberischen, doch auch indianischen – Guarany oder Mapuche – Ursprungs sein. Jedenfalls wird er von Argentiniern als Interjektion genutzt, die den Gesprächspartner zur Aufmerksamkeit oder Richtigstellung auffordert, wie etwa „Hey!”. Da er diesen permanenten Einwurf lustig fand oder dessen überdrüssig war, legte der Kubaner Ñico López dem 1954 in Guatemala weilenden Ernesto Guevara den Spitznamen Che zu. Von Frederico Füllgraf.

Immerhin wurden in den vergangenen 50 Jahren Leben und Tod des Kuba-Argentiniers in mindestens 20 Biografien, Dutzenden Dokumentarfilmen und Reportagen, 7 Spielfilmen, 30 Liedern, 8 Gedichtbänden, mindestens 7 internationalen thematischen Museen und rund 20.000.000 Internet-Links interpretiert, rekonstruiert und beharrlich debattiert.

Dennoch: Am 10. Oktober 1967, vom CIA für den weltweiten Mainstream als zerzauster, ausgemergelter, besiegter „Terrorist” und Trophäe ausgestellt, ist Guevara auch 50 Jahre später nicht totzukriegen.

Bolivien ehrt Guevara, doch die Häscher rebellieren

Dem 50. Todestag des mythenhaftesten Revolutionärs aller Zeiten wurde weltweit gedacht, Hauptbühne der Gedenkfeiern war jedoch sein Hinrichtungsort La Higuera, woran sich landesweit in Bolivien fünftägige Feierlichkeiten bis zum 14. Oktober anschlossen.

In dem gottverlassenen Kaff in der bolivianischen Einöde gibt es erst ab 4 Uhr nachmittags Wasserversorgung und abends keinen elektrischen Strom, geschweige denn Wi-Fi-Zeichen oder Netzversorgung für Handys. Gleichwohl folgten mindestens 10.000 Menschen dem Aufruf von Präsident Evo Morales zu einem Pilgermarsch auf dem „Che-Guevara-Pfad” (siehe Foto) in La Higuera und Umgebung. In einem Polohemd mit dem Aufdruck des elegischen Che-Fotos Alberto Kordas erklärte Morales: „Während wir der letzten Stunden des Che gedachten, bekräftigen wir unser Engagement für seine Ideale. Sein Opfer ist das Licht, das den revolutionären Weg beleuchtet“.

Allerdings hätten der CIA und die damaligen bolivianischen Streitkräfte niemals zu träumen gewagt, dass zum ersten Mal nach jenem verfluchten Hinrichtungstag des 9. Oktober 1967 auch die bolivianischen Streitkräfte ihrem Opfer die Ehre erweisen sollten, obendrein an der Seite des Vizepräsidenten Kubas und ehemaligen Guevara-Gefährten im Befreiungskrieg von Sierra Maestra, Ramiro Valdés.

Die Regierung Morales hatte auch ehemalige Guerillakämpfer und Guevara-Gefährten – darunter die Kubaner Harry Villegas und Leonardo Tamayo – und ihre damaligen Feinde der bolivianischen Armee samt Angehörigen zum gemeinsamen Auftritt und einer historischen Aussöhnung aufgerufen, doch es hagelte Widerspruch aus den Reihen der Veteranen, die vor 50 Jahren die Jagd auf Guevara kommandierten. Ihr Sprecher Mario Moreira erklärte: „Wir werden nicht an den Gedenkfeierlichkeiten teilnehmen, weil dies eine politische Angelegenheit geworden ist. Warum sollten wir den Guerillakämpfern Ehre erweisen? Die Regierung sollte sich lieber bei uns Soldaten bedanken, schließlich haben wir die Nation verteidigt und hatten 59 Todesopfer zu beklagen.“

Was Moreira verschwieg, ist, dass die Guevara-Jäger seit einem halben Jahrhundert durch die Bank von sämtlichen Regierungen alljährlich als „Befreier der Nation“ gefeiert wurden. Weil nun aber zum ersten Mal in 50 Jahren die Regierung Morales auch die Guerilleros ehrt, beschlossen die Ex-Militärs eigene Veranstaltungen in drei Städten durchzuziehen. Wobei nicht zu überhören ist, dass sich der Widerstand noch einmal in der konservativen Hochburg des reichen, von einer weißen Minderheit beherrschten bolivianischen Oriente (Osten), mit seiner Hauptstadt Santa Cruz, zu Worte meldet, der sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr als nur einmal von Bolivien abzuspalten drohte.

Der eigentliche Hintergrund der von Moreira angedeuteten „politischen Angelegenheit“ ist ein anderer: In den Augen der linken Regierung Morales haben sich die einfachen Soldaten, die gegen Guevara im Einsatz waren, keiner Verbrechen schuldig gemacht, „weil sie Befehle ausführten“. Anders steht es um die Offiziere, die als „Mörder“ bezeichnet werden, weil sie die Anweisungen der US-Regierung ausführten.

Ähnlich wie Moreira äußerte sich mehrfach Gary Prado Salmón, Hauptmann der Rangers-Abteilung, die am 9. Oktober 1967 Guevara und einige seiner Leute bei La Higuera gefangen nahm, und der sich seit 1990 als General a.D. in Santa Cruz nicht nur als Buchautor, sondern auch als politischer Schreibtischtäter der extremen Rechten betätigt. Die bolivianische Justiz beschuldigt Prado Salmón, 2009 zusammen mit dem bolivianisch-ungarisch-kroatischen Journalisten und Söldner Eduardo Rózsa einen Mordanschlag auf Evo Morales geplant zu haben.

In den Augen des Generals war Guevara kein Befreiungskämpfer. Nach wie vor belehrt der Militär ausländische Journalisten darüber, Guevara sei nicht Führer einer sozialistischen Revolution, sondern schlichtweg Kommandeur einer „ausländischen Besatzungsarmee “ in Bolivien gewesen.

Das unsägliche Bolivien-Unternehmen des Che

Als Autor von „The Defeat of Che Guevara Military Response to Guerrilla Challenge in Bolivia“ (Praeger Ed., 1990), gemeinsam mit den US-Amerikanern John Deredita und Lawrence H. Hall, untersuchte Prado Salmón 20 Jahre nach der Zerschlagung von Guevaras Nationaler Befreiungsarmee (ELN) Strategien und Fehler sowohl der Guerilla als auch der bolivianischen Armee und versuchte die Verwirrungen um den Tod des Che mit schein-ehrenhaftem Einsatz zu umranken.

Dennoch wirft Prado Salmón Guevaras Bolivien-Abenteuer nicht zu Unrecht schlechte Planung, begrenzte Ressourcen und eine pathetische Unkenntnis der Ortsgeographie und -geschichte und der lokalen Politik vor. Wie konnte es dazu kommen, dass die Guerilla ausgerechnet jene Gegend um den Rio Grande als Einsatzgebiet wählte, in der sie keinen Zulauf der bolivianischen Bauern erhielt? Ganz in krassem Widerspruch zu Guevaras Standardwerk „La Guerra de Guerrillas“ (deutsch: Der Partisanenkrieg, 1962), der den bewaffneten Bauernaufstand zu den Gründungsmythen des neuen Kuba propagiert hatte.

Gleichwohl hatte Guevara darin zwei umstrittene Thesen vertreten. „1. Die Kräfte des Volkes können einen Krieg gegen eine reguläre Armee gewinnen. 2. Nicht immer muss man warten, bis alle Bedingungen für eine Revolution gegeben sind, der aufständische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen”.

Diese Rechnung ging in Bolivien nicht auf, sie versagte.

Bruch mit der Sowjetunion, der Funke der Guerilla

Seriöse Guevara-Biografen wie Jorge Castañeda (Companero: The Life and Death of Che Guevara) sehen in der bolivianischen Tragödie auch Spuren von Guevaras Temperament, das seit seiner Jugend einerseits zwar von unbestrittener Sensibilität, großzügigem Humanismus, sozialem Mitgefühl und Rebellion, andererseits auch von Individualismus, jener Abenteuerlust seiner legendären Fahr- und Motorrad-Odysseen quer durch Argentinien und Lateinamerika und einem Hang zu starken Meinungen geprägt war. Energischer, unversöhnlicher Widerspruch prägte zum Beispiel sein Verhältnis zur damaligen Sowjetunion und diente als Auslöser für Guevaras neues Guerilla-Engagement in Afrika und Lateinamerika.

Bekannterweise schloss sich Guevara 1958 in Mexiko der kubanischen Guerilla unter Führung Fidel Castros gegen das Regime Fulgencia Batistas an, nach dessen Sturz er 1959 den Posten des Präsidenten der Zentralbank und des Industrieministers bekleidete. Jean-Paul Sartre erinnerte sich an einen ironischen Satz des Che, als er ihn 1960 zusammen mit Simone de Beauvoir in Havanna besuchte: „Guevara, Direktor der Nationalbank, hat mir in seinem Büro einen ausgezeichneten Kaffee angeboten und mir gesagt, ´Zuerst bin ich Arzt, dann Soldat und schließlich, wie Sie sehen, ein Bankier.` “

Sartre schrieb später, dass der Che „das vollständigste menschliche Wesen unserer Zeit“ sei. Der französische Philosoph übertrieb nicht, bezog er sich wahrscheinlich auf das geistige Großkaliber des belesenen Argentiniers, der mit seiner Ironie wiederum was ganz anderes meinte, nämlich dass er sich viel lieber seinen Umtrieben als vieltalentierter Arbeitswüterich hingeben wolle, der sich längst als Mechaniker, Ingenieur, Landwirt, Sportler, Journalist, Schriftsteller, Diplomat, Arzt, Wissenschaftler, Fotograf, Politikwissenschaftler, Stratege und so weiter bewährt hatte.

Spätestens 1965 war es soweit: Offiziell war Che Guevara des Regierens und der Büroatmosphäre überdrüssig, es trieb ihn wieder „nach draußen“. Selbstverständlich wusste der engste Kreis um den eingebürgerten Argentinier, dass seine unversöhnliche Kritik an der bürokratischen Dekadenz, dem staatskapitalistischen „Verrat“ der Sowjetunion und die Gefahr, dass Kuba in eine politische Sackgasse hineinschliddern würde, die eigentlichen Gründe seines Ausstiegswunschs bildeten. Im Oktober 1965 veröffentlichte Fidel Castro einen Brief des Che, in dem er die Aufgabe seiner Ämter „in der kubanischen Revolution“ mitteilte, um sich anderen „Schlachtfeldern“ zu widmen.

Zunächst brach Guevara in den Kongo auf, wo drei Jahre zuvor Patrice Lumumba vom CIA ermordet worden war und die Opposition um Hilfe rief. Der Versuch scheiterte erbärmlich und gipfelte in einer politischen Fehde mit Tansanias Präsident Julius Nyerere und der exilierten kongolesischen Opposition, denen Guevara mangelnde Unterstützung und Feigheit vorwarf.

Nach dem Scheitern des „Unternehmens Afrika“ kehrte Guevara 1966 heimlich nach Havanna zurück, wo er nun die „Verbreitung der Revolution in Lateinamerika“ von Bolivien aus vorbereitete, dabei mittelfristig das Entflammen der Guerilla in seinem Heimatland Argentinien im Auge hatte. Als erste Partisanen-Initiative in Argentinien hatte Guevara die Idee der Guerilla-Armee des Volkes (EGP) befeuert, die 1964 unter Führung des befreundeten Journalisten und Begründers der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina, Jorge Masetti, im nordwestlichen Jujuy auf politisches Feindgebiet vorstieß und für ewig vom Erdboden verschwand, inklusive Masettis.

Der gescheiterte Fokus

Mit dem Strategie-Doppel, „die Kräfte des Volkes können einen Krieg gegen eine reguläre Armee gewinnen“ und „nicht immer muss man warten, bis alle Bedingungen für eine Revolution gegeben sind, der aufständische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen”, überschritt ein kahlgeschorener Guevara mit falschen uruguayischen Papieren Ende 1966 von Brasilien aus die Grenze nach Bolivien und tauchte unter. Aus anderen Richtungen sickerte eine Gruppe Kubaner ein und bildete mit Abtrünnigen der Kommunistischen Partei Boliviens den Kern der sogenannten Nationalen Befreiungsarmee (ELN).

Mit der Theoretisierung der kubanischen Revolution hatte es Guevara nicht genau genommen. Der Charakter des kubanischen Aufstands wurde fehlinterpretiert, das Gewicht des städtischen Widerstands, insbesondere der Arbeiter- und der sozialen Bewegungen, verlor sich im toten Winkel der Betrachtung und wurde durch ein voluntaristisches Konzept ersetzt, in dem der Wille als zentraler Hebel des Widerstands hochstilisiert wurde.

Die Probleme vor Ort verurteilten die ELN zum programmierten Scheitern: Die örtliche Kommunistische Partei, in erbitterte Flügelkämpfe zwischen Moskau- und Peking-Treue verwickelt, konnte und wollte keine wirkliche Unterstützung leisten, die örtlichen Bauern reagierten verschreckt auf die bärtigen und bewaffneten Partisanen, die nach dem Weg fragten, und informierten die Armee. Guevara und Kameraden hatten nicht korrekt eingeschätzt, dass während der nationalistischen Revolution von 1952 eine bescheidene Agrarreform in Bolivien zur Stärkung des bäuerlichen Mittelstandes durchgesetzt worden war, dessen ungebildete Schichten auch in der hinter den Kulissen von den USA kontrollierten, bolivianischen Armee keinen Feind erkannten.

Epilog – Die Hände des Che

Allerdings fand die bolivianische Armee am 9. Oktober 1967 einen ehrlosen Eingang in die Geschichte. Damals musste nämlich Sergeant Mario Terán Salazar für die angereisten US-Rangers und den CIA die „Drecksarbeit” verrichten.

Zuerst schoss er dem verhafteten Guevara in Unterarm und Oberschenkel. Der Che zuckte zusammen, forderte jedoch den zaudernden, jungen Unteroffizier heraus: „Zielen Sie genau, Sie schießen auf einen richtigen Mann!“. Terán Salazar erschauderte, jagte ihm jedoch eine zweite Kugel in den Hals. Es war kurz vor 1 Uhr mittags, der Che blutete vor sich hin. Da trat Sergeant Bernardino Huanca in das Klassenzimmer der als Gefangenenlager benutzten Schule, versetzte Guevara ein paar Fußtritte und jagte ihm den Gnadenschuss ins Herz.

Verhaftet worden war Guevara von General Prado Salmón, jedoch Einsatzleiter und Massaker-Befehlshaber war der angereiste kubanische CIA-Agent, Félix Ismael Rodríguez Mendigutia, sekundiert von den kubanischen Agenten Julio G. García und Gustavo Vollobo. Rodríguez Mendigutia hatte die gescheiterte US-exilkubanische Schweinebucht-Invasion von 1961 überlebt, wurde vom CIA auf Guevara angesetzt und war seit Anfang 1967 der kaum 30 Mann starken und obendrein in zwei getrennten Kolonnen operierenden Guerilla-Einheit auf den Fersen.

Im dreißig Jahre später erschienenen Buch „El asesinato del Che en Bolivia. Revelaciones“ (Die Ermordung des Che in Bolivien. Aufschlüsse) dokumentierten die Investigativ-Kubaner Adys Cupull und Froilán González, dass die vom CIA befohlene Soldateska der Leiche mit geradezu dämonischer Gewalt zusetzte. Dem toten Guerillero wurde die Kehle an-, doch nicht vollkommen durchgeschnitten, dafür wurden ihm die Hände abgehackt. „Zweck” des barbarischen Aktes sei die Überprüfung Guevaras Fingerabdrücke durch drei ebenfalls angereiste Agenten der argentinischen Polizei gewesen, erklärte seinerzeit die bolivianische Militärregierung.

Juan Coronel Quiroga, ein Mitglied der Kommunistischen Partei Boliviens, der im Auftrag des ehemaligen Innenministers Antonio Arguedas Mendieta die in Formol konservierten Guevara-Hände im Januar 1970 auf himmelschreiendem, abenteuerlichem Weg – von La Paz über Lima, Guayaquil, Caracas, Madrid, Paris und Budapest – der kubanischen Botschaft in Moskau übergab, erklärte jedoch, die Verstümmelung sei vom CIA als Warnung befohlen worden und sollte heißen: „Finger weg aus fremden Angelegenheiten!“.

Der Leichnam Guevaras wurde nach einer großangelegten Suchaktion argentinischer Forensiker erst 1997 in einem Massengrab an einer Landepiste des Ortsflughafens in Valle Grande entdeckt und die Überreste der kubanischen Regierung übereignet, die sie im Mausoleum von Santa Clara bestattete.

Indes hatten die Ermordung und die Hände Che Guevaras vier Jahre später ein kriminalistisches Nachspiel in Deutschland. Am 1. April 1971 wurde Roberto Quintanilla Pereira, bolivianischer Generalkonsul in Hamburg, in seinem Dienstbüro erschossen. Der Täter entkam, doch am Tatort fand die Polizei einen Zettel mit der Parole „Victoria o Muerte!“ („Sieg oder Tod!“), der auf einen politisch motivierten Mord hinwies. Personenbeschreibung des Täters plus vorherige Polizei-Observierung passten auf die 37-jährige Deutsch-Bolivianerin Monika Ertl, Tochter des sich in den späten 1940-er Jahren nach Bolivien abgesetzten, ehemaligen Kameramanns Leni Riefenstahls, Hans Ertl.

Quintanilla Pereira, in Bolivien als Polizei-Oberst „Toto“ Quintanilla bekannt, war seit Oktober 1967 von der ELN als einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung Guevaras beschuldigt worden. Nach Aussagen von Anna Elena Recacoechea, der Witwe des 1967 nach Chile entkommenen, jedoch 1969 ebenfalls in Bolivien ermordeten Guevara-Mitkämpfers Inti Peredo, seien die Hände des Che auch auf Befehl von Quintanilla abgehackt worden.

„Quintanilla, Quintanilla…, Du wirst in Deinen Nächten keinen Frieden mehr finden…Du raubtest Inti das Leben… Und du meintest das ganze Volk…“, soll Monika Ertl daraufhin gedroht haben.

Monika Ertl wurde zwei Jahre später, im Mai 1973, in Bolivien in einen Hinterhalt gelockt und erschossen; angeblich mit Beihilfe des seit Ende der 1940-er Jahre heimlich in Bolivien lebenden und zehn Jahre später an Frankreich ausgelieferten Nazi-Massenmörders Klaus Barbie (alias “Klaus Altmann”), bekannt als der „Schlächter von Lyon“. Ertls Leichnam wurde fotografiert und an unbekanntem Ort verscharrt. Seitdem gilt Ertl als verschollen.

Der Zeitgeist und der Auftakt zum Mythos

Auf die Frage, warum Guevara „unkaputtbar” ist, gibt es vielerlei Mutmaßungen. Sicherlich tat das legendäre Che-Foto des kubanischen Fotografen Alberto Korda das seine bei der Erhebung Guevaras zum Mythos. Das berühmte Bild, auf dem ein langhaariger Guevara jene Baskenmütze mit dem Stern in der Stirnmitte trägt und dabei seinen Blick auf den Horizont heftet, als schaue er in die Unendlichkeit, hatte Korda zufällig bei einer Trauerfeier am 5. März 1960 geknipst, doch nach der Entwicklung in seinen Schubladen aufbewahrt. Für die flächenbrandartige Verbreitung des Bildes sorgte erst ein Buch, das der italienische Verlag Feltrinelli 1967 als Reaktion auf den Tod Guevaras veröffentlichte, wofür Korda eine Bildauswahl zur Verfügung gestellt hatte.

Das Foto gilt als das am meisten nachgedruckte und meistgenutzte Bild in der Geschichte der Menschheit.

Korda konnte nicht ahnen, in welchem Kontext das Che-Foto mit dem erhöhten Blick in Umlauf gebracht würde. Der beherrschende Zeitgeist in den Metropolen der Industrieländer war der des Protests gegen den Vietnam-Krieg der USA, in dem sich Beatniks, Hippies und Linke zu einer diffusen Gegenkultur mischten und sich bald das Foto des lateinamerikanischen Guerillero als Symbol der Rebellion aneigneten. Hatte er doch einst gesagt, „wie glänzend und nah wäre die Zukunft, wenn zwei, drei, viele Vietnams auf der Oberfläche des Erdballs entstünden, mit ihrer Todesrate und ihren ungeheuren Tragödien, mit ihren alltäglichen Heldentaten, mit ihren wiederholten Schlägen gegen den Imperialismus…“ – woraus Rudi Dutschke den Aufruf adaptierte, „schafft zwei, drei viele Vietnams!“.

Dass die Popkultur das legendäre Che-Bild bis zum Exzess vermarktete, tut dem Ansehen Guevaras keinen Schaden. Seine ungebrochene Weiterverehrung erklärt sich wohl in der deutschen Version des Liedtextes „Comandante Che Guevara“, in der es mit den kernigen Versen Wolf Biermanns heißt:

„… Und bist kein Bonze geworden,
kein hohes Tier, das nach Geld schielt
und vom Schreibtisch aus den Helden spielt
in feiner Kluft mit alten Orden.”



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