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Mai 22, 2018

Zur Erinnerung an die Entführung und Ermordung von Aldo Moro und als Hinweis auf aktuelle ähnliche Vorgänge | NachDenkSeiten – Die kritische Website


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Vor 40 Jahren, am 16. März 1978, wurde der italienische Christdemokrat Aldo Moro entführt und dann nach sechs Wochen Leiden im Versteck ermordet. Für seine Freilassung haben die Offiziellen nichts entscheidendes unternommen. Dieser Vorgang erinnert fatal an aktuelle Vorgänge. Deshalb sind wir dankbar dafür, dass Stefan Schmitt[*], Psychologe und Beobachter des Zeitgeschehens, in einem bedrückend spannenden Text an jene Vorgänge erinnert. Albrecht Müller.

Im Kern ging es damals wie seit dem immer wieder an verschiedenen Schauplätzen darum, eine Linksverschiebung in der italienischen Gesellschaft und damit die Gefährdung der Macht des Imperiums zu verhindern.

Verbunden mit einem großen Dankeschön an den Autor veröffentlichen wir seine Beschreibung der Vorgänge und Hintergründe:

  • In Italien war nach dem 2. Weltkrieg über Jahrzehnte hinweg, ähnlich wie das in der Bundesrepublik Deutschland der Fall war, die Christdemokratie fest mit der Macht verankert. In beiden Fällen war der klerikale und politische Katholizismus eine wesentliche Stütze des Systems. Doch in Italien, wo die verschiedenen Gruppen der Resistenza, mit den vordringenden Alliierten im Rücken, selbst den Faschismus beseitigt hatten, waren von Hause auch die Gewerkschaften und die Kommunistische Partei starke Kräfte. Bei den Parlamentswahlen 1976 erhielt die PCI über 34 % der Stimmen, die Democrazia Cristiana knapp 39 %. Von der Regierungsbeteiligung war die PCI jedoch ausgeschlossen. Aldo Moro, Chef der Christdemokraten, der bereits zwei mal Ministerpräsident gewesen war, hatte demgegenüber einen mediatorischen Ansatz. Er wollte das Faktum nicht mehr mittragen, daß über ein Drittel der italienischen Bevölkerung vom Einfluß auf die Regierung ausgeschlossen war. Stattdessen strebte er, gemeinsam mit der Führung der PCI, eine `Regierung der Nationalen Solidarität´ an: einen Historischen Kompromiß unter Beteiligung der PCI. Ein solcher Kompromiß sollte den Staat stärken und insbesondere seine Anfälligkeit für Putschversuche von rechts verringern. Der Historische Kompromiß stieß auf heftigen Widerstand innerhalb der Democrazia Cristiana, wie auch außerhalb Italiens. Moros Frau erklärte nach seinem Tod, US-Außenminister Kissinger habe ihren Mann bei einem Gespräch aufgefordert, seine Politik zu beenden, alle politischen Kräfte in den politischen Prozeß einbeziehen zu wollen. Andernfalls werde er es bitter bereuen. Der Vizesekretär der DC erklärte 20 Jahre später vor einer Untersuchungskommission des Parlaments, ihm sei 1976 bei einer Reise in die USA mitgeteilt worden, daß eine Regierung wie diejenige, die Aldo Moro anstrebe, von den US-Republikanern zu jedem Preis bekämpft werde.

    Am Morgen des 16. März 1978, als Moro auf dem Weg ins Parlament war, wo über eine Regierung des Historischen Kompromisses abgestimmt werden sollte, verschwand er. Er wurde von den Roten Brigaden entführt. Seine fünf Begleiter wurden bei dem Angriff in der Via Fani in Rom erschossen. Den Roten Brigaden ging es bei der Aktion darum, Anerkennung zu erhalten; politische Anerkennung als real existierende Gegenmacht zum verkrusteten Herrschaftsapparat der Christdemokratie. Forderungen wurden deshalb zunächst keine gestellt. Es wurde vielmehr angekündigt, daß Moro der Prozeß gemacht und er zu seiner Geschichte und seiner politischen Funktion in der Christdemokratie und im Staatsapparat `verhört´ werde. Die BR wollten den imperialistischen Staat der Multinationalen angreifen und die revolutionäre Bewegung vereinheitlichen. Adriana Faranda, die an der Entführung beteiligt war, sagte später: “Die Roten Brigaden wollten ein anderes Recht durchsetzen. Der Schuldige ist nicht mehr derjenige, der stiehlt, sondern derjenige, der Menschen verhungern läßt.”[1]

    Der Staat aber bezog von ersten Tag an die Position der Härte und der unbedingten Standhaftigkeit. Die Roten Brigaden hatten ihrerseits keine geradlinige Geschichte. Nach der Verhaftung von Renato Curcio und Alberto Franceschini im Jahr 1974 stieg Mario Moretti in eine Leitungsposition auf, er wurde mehr oder weniger Chef der Roten Brigaden. Unter seiner Leitung militarisierte sich die Politik der Guerilla, gleichzeitig sorgte er dafür, daß die verschiedenen `Kolonnen´ der BR unabhängig voneinander agierten und sich möglichst wenig kannten. Moretti war Ende der 60er Jahre nach Mailand gekommen, um an der Katholischen Universität zu studieren; an der 68er Bewegung hatte er sich nicht beteiligt.

  • Das Schicksal des Historischen Kompromisses war mit der Entführung Moros besiegelt: noch am selben Tag wurde eine konventionelle christdemokratische Regierung unter Führung von Giulio Andreotti bestätigt – erstaunlicherweise mit den Stimmen der PCI, deren Führung sich wie die Christdemokraten strikt gegen Verhandlungen aussprach. Das Schicksal Moros, wenn es nicht ebenfalls bereits an diesem Tag entschieden war, entschied sich spätestens am 29. März. An jenem Tag nämlich veröffentlichten die Roten Brigaden ihr Communique Nr. 3, zusammen mit einem Brief Moros an seinen Parteifreund, Innenminister Francesco Cossiga. In dem Brief machte Moro Andeutungen zur geheimen Gladio-Struktur und zum schmutzigen Krieg des Staatsapparats und der NATO gegen die Linken. Gemäß seiner nüchternen und sachlichen Haltung begriff er sich als politischen Gefangenen in einer politischen Auseinandersetzung. “In Wahrheit sind wir auf der Leitungsebene allesamt angesprochen. Es ist unser gemeinsames Werk, das unter Anklage steht, für das aber ich die Verantwortung zu übernehmen habe. … Die Staatsräson vor allem bedeutet in meinem Fall, daß ich mich in einer vollständigen und unkontrollierten Gewalt befinde, mir ein Volksprozeß gemacht wird, der nach Gutdünken verschärft werden kann, und da ich bei vollem Verstand und voller Gesundheit bin, das Risiko besteht, daß ich auf unangenehme oder auf gefährliche Weise zum reden gezwungen werden könnte … Gott möge euch erleuchten.” Die Reaktion der Regierung auf Moros Brief bestand darin, daß die Familie des Entführten politisch isoliert wurde; gleichzeitig wurde die Devise ausgegeben, die Briefe Moros seien nicht authentisch, sondern entweder direkt von den Entführern diktiert oder Folge einer Gehirnwäsche. Die Ehefrau erklärte dagegen, daß die Briefe in dem ihr vertrauten Stil ihres Mannes verfaßt seien.
  • Der Staatsaparat war nahe an den Entführern dran. Ein Ingenieur, der zum Zeitpunkt des Angriffs auf dem Weg zur Arbeit in der Via Fani war, erklärte, daß zwei Personen auf einem Motorrad, die vor Morettis Auto fuhren, auf ihn schossen – gleichwie um ihn als Zeugen auszuschalten oder zu vertreiben.

    Die Roten Brigaden erklärten in den späteren Prozessen wiederholt, daß dieses Motorrad nicht zu ihrer Gruppe gehörte. Am 2. April führten mehrere Professoren und Politiker eine Seance durch, um in der Befragung des Geistes toter Politiker den Aufenthaltort von Aldo Moro zu ermitteln – so jedenfalls ihre Legende, als sie das Ergebnis ihrer Schau der Polizei übermittelten. Einer der Anwesenden war Romano Prodi, der spätere EU-Kommisionspräsident und Ministerpräsident des linken Bündnisses l`ulivo. Das Resultat der Geisterbefragung bestand in dem Wort GRADOLI. Gradoli ist der Name einer Kleinstadt im Norden Italiens sowie einer Straße in Rom. Doch eine polizeiliche Reaktion fand nicht statt. Am 18. April – Moro war inzwischen seit fast 5 Wochen im `Volksgefängnis´ – wurde wegen eines Wasserschadens in einer Nachbarwohnung eine Wohnung in der Via Gradoli geöffnet: es handelte sich um den Aufenthaltsort Morettis und um eine klandestine Wohnung der Roten Brigaden. Der laufende Wasserhahn in der Nachbarwohung war sehr künstlich drappiert; offensichtlich gab es Gruppen, die an der Aufdeckung der konspirativen Wohnung und möglicherweise an der Beendigung der Entführung Moros interessiert waren. Doch die Entdeckung der Wohnung wurde sofort über Radio und Fernsehen verbreitet, so daß Mario Moretti in der Lage war, abzutauchen und nicht in die Wohnung zurückkehrte. Jahre später stellte sich heraus, daß mehrere Wohnungen in dem Haus in der Via Gradoli sowie in anderen Häusern in der gleichen Straße von Mitarbeitern der Geheimdienste SISMI und SISDE benutzt wurden. Deren Leiter waren Mitglieder in der faschistoiden Geheimloge P2. Im Haus direkt gegenüber Morettis Wohnung wohnte ein Polizist; dieser war Mitarbeiter im Militärgeheimdienst SISMI und kam außerdem aus der selben Kleinstadt wie Moretti, wo eigentlich jeder jeden kennt. In seiner Wohnung in der Via Gradoli konnte der öffentlich als `Terrorist´ gesuchte Moretti dennoch drei Jahre lang die Moro-Entführung vorbereiten, ohne daß er behelligt wurde.

  • In den Siebziger Jahren war die Geheimloge P2 sehr mächtig und ihre Existenz in der italienischen Öffentlichkeit gleichermaßen unbekannt und unangefochten. Der faschistoiden und reaktionären Propaganda Due gehörten zahlreiche führende Politiker, Militärs, Gehemdienstmitarbeiter und Personen aus der Wirtschaft an. Auf ihr Konto gehen zahlreiche Morde, Attentate und Terroranschläge. Die P2 war tief verwoben mit der italienischen Mafia. Im Zuge der Ermittlungen gegen die Sindona-Bank, die für die Waschung der Drogengelder der Mafia zuständig war, und bei einer Hausdurchsuchung bei Licio Gelli, dem Chef der P2, kam eine Mitgliedsliste mit 962 Namen zum Vorschein (allerdings beginnt die Liste bei der Nummer 1600). Mit auf der Liste waren u.a. der damalige Kabinettschef, alle 3 Chefs der italienischen Geheimdienste, der Unternehmer (und spätere mehrfache Ministerpräsident) Silvio Berlusconi, der Sohn des letzten Königs usw. Gleichzeitig überschnitt sich die P2 mit der NATO-Organisation Gladio, einer klandestinen bewaffneten Struktur, die im Rahmen der Strategie der Spannung Terroranschläge und Morde verübte, die dann der Linken, insbesondere den Roten Brigaden, in die Schuhe geschoben wurden. Die Funktion der strategy of tension war und ist bis heute: durch die Schaffung von Angst und Verunsicherung die Produktion des Rufes nach Sicherheit und die Prononcierung von Ordnungspolitik, d.h. die Schaffung von Akzeptanz für repressive Maßnahmen – damals in Italien, im Kampf gegen die organisierte Linke, vor allem gegen die PCI und die Gewerkschaften. Allgemein zielt die Strategie der Spannung auf die Absicherung von repressiven Maßnahmen und von Krieg gegen kapitalistischer strategischer Politik im Wege stehende Interessen jeglicher Gestalt und jeglicher Couleur. In den 80er und Anfang der 90er Jahre gab es in Italien eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung um diese dunklen Strukturen. Es kam zu parlamentarischen Untersuchungen und zahlreichen Gerichtsverfahren. Die Christdemokratie und mit ihr die gesamte Erste Republik zerbrach an dieser Auseinandersetzung. Von Gladio ist nicht alles bekannt, auch heute noch ist vieles im Dunkeln. Geheime und bewaffnete Gladiostrukturen gab es in vielen westeuropäischen Ländern; selbstverständlich auch in Deutschland. Doch nur in Belgien, in der Schweiz und in Italien kam es Anfang der 90er Jahre zu einer parlamentarischen Auseinandersetzung darüber.[2] Ministerpräsident Giulio Andreotti hatte Anfang der 90er Jahre vor dem Parlament die Existenz von Gladio zugegeben. Eine der tragenden Instanzen im Gladio-Netzwerk war der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA. Für die Durchführung von Anschlägen griff Gladio nicht selten auf Neofaschisten zurück wie beispielsweise Vincenzo Vinciguera, der 1984 für einen Bombenanschlag auf 3 Polizisten im Jahr 1972 verurteilt wurde. Im Prozeß erklärte Vinciguera: „Man mußte Zivilisten angreifen, das Volk, unschuldige und unbekannte Leute, weit weg von der politischen Bühne. … Der Grund ist sehr einfach: man wollte die Leute, die italienische Öffentlichkeit dazu bringen, sich an den Staat zu wenden und um mehr Sicherheit zu bitten. Das ist die politische Logik hinter all den Massakern und Bombenanschlägen, die unaufgeklärt bleiben; weil der Staat sich ja nicht selbst verurteilen kann oder erklären kann, daß er selbst verantwortlich ist für das was geschah.“ Der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof in Bologna, bei dem im August 1980 85 Menschen starben und zahlreiche Menschen verletzt wurden, liegt mutmaßlich in der Verantwortung von Gladio. Auch der Anschlag auf das Münchner Oktoberfest einen Monat später, bei dem 13 Menschen starben und über 200 verletzt wurden, gehorcht der gleichen Logik.[3]
  • Cossiga, an den Moro seinen Brief schrieb, war, bevor er Innenminister wurde, `Minister ohne Geschäftsbereich´ in der italienischen Regierung. Man geht davon aus, daß er in dieser Funktion für die Kontakte zur NATO zuständig war. Damit war er, wie Moro selbst, in den Aufbau und die Strukturen der verdeckten Gladio-Armee einbezogen. Insgesamt schrieb Moro während seiner 55tägigen Gefangenschaft über 90 Briefe an seine Familie, an Parteifreunde, den Papst usw. Nachdem klar wurde, daß Moro gegenüber seinen Entführern brisante Informationen preisgab, erklärten Regierung und staatstragende Medien, der Chef der Christdemokraten sei nicht ernst zu nehmen, sondern verrückt geworden. Willige Professoren erläuterten in der Presse, wie und warum Moro verrückt sei. Aus seinem Versteck wehrte sich Moro gegen die Anschuldigungen. “Ich werde weder gezwungen noch unter Drogen gesetzt … Wieso auch noch dieses Gutachten über meine angebliche Nicht-Authentizität?” Die Regierung setzte ein Krisenkommittee ein, das das Vorgehen des Staatsapparats lenkte. So gut wie alle Mitglieder in diesem Kommittee waren mit der CIA, mit Gladio oder der P2-Loge verbunden. Eine der maßgebenden Personen im Krisenkomittee, Steve Pieczenik vom US-Außenministerium, erklärte 30 Jahre später, daß die Roten Brigaden instrumentalisiert wurden. “Moro mußte sterben. Es war nie meine Aufgabe, das Leben von Aldo Moro zu retten. Als stellvertretender Statssekretaär der amerikanischen Regierung und persönlicher Berater des italienischen Innenministers war es meine Aufgabe, Italien zu stabilisieren, den Kollaps der Christdemokratischen Partei zu verhindern und dafür zu sorgen, daß die Kommunisten von der Regierung fern gehalten würden.”[4] Um die Öffentlichkeit auf den Tod von Aldo Moro vorzubereiten, hat das Krisenkommittee ein gefälschtes Communique Nr. 7 in Umlauf gebracht, in dem die BR angeblich erklärten, Moro sei hingerichtet worden und seine Leiche nahe dem Lago della Duchessa in den Bergen zu finden. Die gleiche Regierung, die das falsche Communique fabrizierte, hat daraufhin in einer tagelangen öffentlichkeitswirksamen Aktion den teilweise noch vereisten See und seine Umgebung u.a. mit Spezialtauchern nach Moros Leiche abgesucht. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des falschen Communiques veröffentlichten die Roten Brigaden das echte Communique Nr. 7, zusammen mit einem Bild Moros, der eine Tageszeitung vom Vortag in den Händen hält. Damit war klar, daß Aldo Moro noch lebte.
  • Der Journalist Carmine Pecorelli hatte einen tiefen Einblick in die Machtstrukturen der damaligen italienischen Republik. Sein Name befand sich ebenfalls auf Licio Gellis Liste der P2-Mitglieder. In einem Artikel, der im Mai 1978 in seiner eigenen Zeitschrift Osservatorio Politico erschien, schrieb Pecorelli, Moros Entführung sei von einer luziden Supermacht organisiert worden. “Die Urheber des Massakers in der Via Fani und der Entführung von Aldo Moro sind Professionelle, die in erstklassigen Kriegsakademien ausgebildet wurden. Die Killer, die zum Überfall auf [Moros] Auto geschickt wurden, können dagegen nur unbedarfte Handlanger sein, die man auf der Straße rekrutiert hat.” Maria Fida, die Tochter Aldo Moros, umriß später die Bemühungen der Familie um eine Verhandlungslösung: “Wir haben versucht, alle möglichen internationalen Kanäle zu aktivieren. Alles wurde gestoppt und blockiert.” Aldo Moro merkte, daß ihn das Establishment aufgegeben hat. Aus seinem Gefängnis heraus kämpfte er mithilfe seiner Briefe für die eigene Freilassung und zugleich für eine Veränderung und Öffnung des politischen Systems. “Wie kann es möglich sein, daß ihr alle damit einverstanden seid, meinen Tod zu wollen? Im Namen einer angenommenen Staatsräson, die euch jemand feindselig empfiehlt? Als ob dies alle Probleme des Landes lösen würde. Wenn dieses Verbrechen geschehen würde, wird sich eine entsetzliche Spirale in Gang setzen, die ihr nicht bewältigen könnt … Mein Blut wird über euch kommen. Denkt darüber nach, liebe Freunde. Denkt nicht an morgen, sondern an übermorgen.” Untersuchungsrichter Imposimato, der nach der Entführung und Ermordung Aldo Moros mit dem Fall betraut war, erzählte Jahre später: “Die Lage, die wir vorgefunden haben, war katastrophal. Wir entdeckten später, daß wichtige Ermittlungsakten vom Innenministerium beschlagnahmt worden waren. Bei schneller Auswertung hätten uns diese Dokumente zu einigen der Hauptakteure des Massakers in der Via Fani geführt. Ja, man hätte durch sie sogar das Versteck in der Via Montalcini Nr. 8 entdeckt, wo Aldo Moro 55 Tage lang gefangen gehalten worden ist. Unsere Überraschung war deswegen groß, als wir merkten, daß vom 18. April bis zum 17. Mai sich niemand mit diesen Dokumenten beschäftigt hatte. Sie waren weder von der Polizei noch von der Staatsanwaltschaft untersucht worden. Deswegen haben wir uns über die Staatsanwaltschaft ziemlich geärgert; weil wir ja dachten, sie hätten diese Dokumente übersehen. Jahre später habe ich dann entdeckt, daß das ganze ein Vertuschungsmanöver war, daß der Stillstand der Ermittlungen, das Verbergen der Akten direkt vom Innenministerium angeordnet worden war. Vom Innenminister persönlich, zusammen mit dem Ministerpräsidenten. Sie wollten keine ernsthafte polizeiliche Untersuchung … ” Im Communique Nr. 6 teilten die Roten Brigaden mit, daß der Prozeß zu ende und Aldo Moro zum Tod verurteilt worden sei. Später schlugen sie den Austausch Moros gegen die Freilassung von inhaftierten Genossen vor. Der Staat lehnte ab. Im Unterschied zur Unnachgiebigkeit sowohl der Democrazia Cristiana als auch der Kommunistischen Partei war die Sozialistische Partei unter Bettino Craxi für Verhandlungen. Über den Physiker Franco Piperno, Mitglied der linken Bewegung Potere Operaio (Arbeitermacht), wurde ein Kontakt zu den Roten Brigaden hergestellt. Die Roten Brigaden waren dann in der Folge bereit, Moro gegen die Freilassung von einem Gefangenen freizulassen. Doch auch dazu sah sich die Regierung nicht in der Lage. Unter Pipernos Vermittlung signalisierten die BR dann, daß sie Aldo Moro im Austausch für politische Anerkennung freilassen würden: ein ranghohes Mitglied der Christdemokratie sollte erklären, daß er bereit sei, über die Forderungen der Roten Brigaden nachzudenken, sofern sich diese im Bereich des Legalen bewegten. Moros langjähriger Parteifreund Amintore Fanfani war dazu bereit. Die Stellungnahme Fanfanis hätte den Roten Brigaden ausgereicht. Doch dies wurde ebenfalls blockiert; statt Fanfani redete einer seiner Mitarbeiter mit einer vollständig verwässerten Botschaft. Für die Vermittlungstätigkeit und seinen Versuch, das Leben von Aldo Moro zu retten, wurde Piperno später verfolgt; er mußte mehrere Jahre lang ins Exil nach Kanada gehen. Als klar wurde, daß die Regierung an einer Verhandlungslösung und an einer Freilassung Moros nicht interessiert war, kam es zum Konflikt innerhalb der Roten Brigaden. Die `linken´ Brigadisten um Franco Bonisoli und Adriana Faranda waren, wie die überwältigende Mehrheit der italienischen Linken, gegen die Hinrichtung von Aldo Moro. Die Gruppe um Moretti dagegen drängte dazu, das Todesurteil zu vollstrecken und Moro zu töten. Sie hat sich schließlich durchgesetzt. Moretti selbst hat, wie er im Prozeß nach seiner Verhaftung erklärte, Aldo Moro mit mehreren Schüssen ermordet. Seine Leiche wurde am 9. Mai im Kofferraum eines Autos in der Via Caetani in Rom gefunden.
  • Die italienische Gesellschaft – und mit ihr deren zentraler Machtapparat, die Democrazia Cristiana – befand sich Mitte der 70er Jahre in einer tiefen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Krise. Das politische Projekt Aldo Moros zielte auf eine Erneuerung der Gesellschaft und auf eine Überwindung der Krise. Ohne Zweifel hätte der Historische Kompromiß und die damit angestrebte Zusammenarbeit zwischen DC und PCI die italienische Kommunistische Partei (die als Eurokommunisten die Westintegration Italiens ja bereits akzeptiert hatte) noch weiter weggebracht von einer revolutionären Perspektive. Genau deshalb hatte der Historische Kompromiß ja auch innerhalb der radikalen Linken viele Gegner. Insgesamt jedoch hätte er die Gesellschaft sozialer und demokratischer gemacht und so die gesellschaftlichen und demokratischen Verhältnisse stabilisiert. Doch dies sollte nicht sein. In der Perspektive der Strippenzieher im Krisenkommittee sollte vielmehr der verkrustete kapitalistische Herrschaftsapparat stabilisiert werden. Eine Schlüsselperson bei der Infiltrierung der Roten Brigaden durch die Schattenmacht war Graf Edgardo Sogno. Das zeigen die umfangreichen Recherchen des Historikers und ehemaligen PCI-Sekretärs Sergio Flamigni. Sogno hat wie der P2-Chef Licio Gelli im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Franco Pipernos gekämpft. Noch wähernd des 2. Weltkriegs nahm er Kontakt zu Allen Dulles auf, damals Leiter des Office of Strategic Services (OSS), aus dem die CIA hervorging. Sogno war auch ein enger Vertrauter des späteren NATO-Generalsekretärs Manlio Brosio. Ab 1950 baute er mit anderen eine antikommunistische paramilitärische Organisation auf. Parallel dazu gründete er, mit viel Geld von der CIA, die öffentliche Propagandabewegung Friede und Freiheit. 1970, als die Brigate Rosse gegründet wurden, schuf Sogno gemeinsam mit anderen die antikommunistische bewaffnete Organisation Comitati di Resistenza Democratica (CRD), die sich mit Gladio überschnitt. Wie Sogno 20 Jahre später in einem Interview zugab, legten die Gründungsmitglieder von CRD einen Eid ab, italienische Politiker, die eine Regierung mit den Kommunisten eingehen, zu liquidieren. Sogno wurde im Laufe der Jahre italienischer Botschafter in Argentinien, Frankreich und den USA. Über die Moretti-Gruppe hatte die Sogno-Organisation CRD seit den Gründungstreffen der Brigate Rosse im Jahr 1970 ihren Fuß in der Guerilla. Das Aneinanderreihen mehrerer Puzzlestücke legt nahe, daß mit Sabina Longhi auch eine Mitarbeiterin von NATO-Generalsekretär Manilo Brosio bei der Gründung der BR anwesend war. Die Gruppe um Moretti hat von Anfang an mörderische und militaristische Aktionen favorisiert; die `eigentlichen´ Rotbrigadisten wie Renato Curcio, Margherita Cagol oder Alberto Franceschini waren gegen die Einengung auf solche Aktionen. Erst mit der Verhaftung von Curcio und Franceschini 1974 und dem Tod von Mara Cagol im Jahr darauf konnte sich der Kreis um Moretti innerhalb der Roten Brigaden durchsetzen. Moretti hatte sich, als er Anfang der 70er Jahre in Mailand zu den Vorläufergruppen der Roten Brigaden stieß, eine linke Geschichte und Biographie zurechtgelegt. Tatsächlich aber war er in seiner mittelitalienischen Heimatstadt als Schüler ein glühender Faschist gewesen. Nach Mailand kam Moretti durch die finanzielle Unterstützung der Marquise von Casati Stampa. Frau Stampa liebte es, sich für ihre Sexorgien junger Neofaschisten zu bedienen. Der Vermögensverwalter der Casati Stampa gründete zusammen mit Graf Sogno die antikommunistische CRD. 1970 wurde Moretti dann – angeblich – ein `Linker´. Einige Jahre nach der Moro-Entführung wurde Moretti, anscheinend zufällig, verhaftet. Seine Strafe war sechs mal lebenslänglich. 15 Jahre später wurde er freigelassen. Anders als in Deutschland haben in Italien vor dem Hintergund der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen viele Angehörige des sogenannten harten und überzeugten Kerns der Guerilla in ihren Prozessen Aussagen zum Tathergang und zu den jeweiligen Hintergründen gemacht, ohne dabei unbedingt Mitgenossen zu belasten. Viele Kollaborateure, wie Moretti, haben jedoch geschwiegen. Denn Moretti weiß: wer redet, stirbt.
  • Vor seinem Tod schrieb Aldo Moro an den Generalsekretär der Democrazia Cristiana. “Lieber Zaccagnini …. die Christdemokratische Partei soll nicht glauben, durch meine Beseitigung ihr Problem gelöst zu haben. … Ich werde bleiben, als ein unauslöschbarer Punkt von Protest und Alternative. Wegen einer offensichtlichen Unvereinbarkeit verlange ich, daß zu meinem Begräbnis weder Staatsinstitutionen noch Parteifunktionäre anwesend sein werden. Ich bitte darum, daß nur diejenigen mich begleiten, die mich wirklich geliebt haben. … mit freundlichen Grüßen, Aldo Moro.” Nach seinem Tod weigerte sich Moros Familie, die Leiche für ein Staatsbegräbnis frei zu geben. Die Staatsführung bestand aber auf einem solchen. Deshalb fand im Petersdom unter Beteiligung von Papst Paul VI eine bombastische Totenmesse statt vor leerem Sarg. In dem nach Moros Tod veröffentlichten Artikel, in dem der Journalist Pecorelli von der luziden Supermacht sprach, lenkte Pecorelli die Aufmerksamkeit außerdem auf General Carlo Alberto Dalla Chiesa, Leiter der italienischen Anti-Terror-Einheit. Dalla Chiesa habe, so Pecorelli, den Aufenthaltsort Moros während dessen Entführung gekannt, sei aber von oben angehalten worden, nichts zu tun. Der General sei bedroht und werde möglicherweise einem Attentat zum Opfer fallen. Zehn Monate nach diesem Artikel wurde Pecorelli in seinem Auto von Kugeln durchsiebt. Die Munition, die bei dem Attentat verwendet wurde, war ein ausgesprochen seltener Typ – der gleiche Typ, der später in einem Waffenlager der Banda della Magliana gefunden wurde, welches im Keller des Gesundheitsministeriums untergebracht war. Die Banda della Magliana war eine sehr schlagkräftige Organisation, die im Koordinatenfeld von P2, der klassischen Mafia, SISMI sowie neofaschistischer Organisationen agierte. Sereno Freato, erster Sekretär von Aldo Moro, erklärte nach dem Tod von Carmine Pecorelli: “Forscht nach den Urhebern von Pecorellis Ermordung, und ihr werdet die Urheber von Moros Tod finden.” Giulio Andreotti, der Gegenspieler Aldo Moros und mehrmalige Ministerpräsident Italiens, wurde im Jahr 2002 zusammen mit einem Mafia-Chef wegen Anstiftung zum Mord an Pecorelli zu 24 Jahren Haft verurteilt. Doch ein Jahr später sprach ihn das Oberste Gericht Italiens vom Vorwurf wieder frei. Drei Jahre nach Pecorellis Tod wurde General Dalla Chiesa in Sizilien, zusammen mit seiner Frau und seinem Fahrer, von der Mafia erschossen. Man kann das auch anders ausdrücken: der mit der Mafia verbandelte Staatsapparat hat Dalla Chiesa `zur Verfolgung der Mafia´ nach Sizilien geschickt; dort wurde er dann von der Mafia ermordet. General Dalla Chiesa war wahrscheinlich im Besitz der Verhörprotokolle Aldo Moros, des sogenannten Memoriale Moro. Darin schildert Moro detailreich die Gladio-Vorgänge wie auch die Hintergründe anderer Skandale der italienischen Politik. Einige harmlose Protokolle wurden Ende der 70er Jahre veröffentlicht. Doch der Großteil des Memoriale kam erst nach 1990 wieder zum Vorschein.
  • Als Andreotti im Jahr 1990 im Parlament die Existenz von Gladio bestätigte, rankte er zugleich zwei Legenden darum. Erstens: die Existenz von Gladio sei nun, nach ihrer Entdeckung, beendet; sie habe sich quasi von selbst aufgelöst. Zweitens: Sinn und Zweck des stay-behind-Netzwerkes sei es gewesen, eine klandestine bewaffnete Struktur für den Fall einer sowjetischen Besetzung bereit zu halten. Beide Erläuterungen wurden von den etablierten Medien gerne aufgenommen und bis heute als Fakten behandelt. Es ist ja auch sehr beruhigend, daß eine solche bewaffnete terroristische und rechtsextreme Struktur, die von höchster Stelle unterhalten wird und zugleich dem öffentlichen Selbstbild von der demokratischen Entwicklung Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg diametral widerspricht – daß eine solche Struktur sich quasi von selbst auflöst. Gott sei Dank!

    Was ist von Andreottis Erläuterungen zu halten? Was haben der Bombenanschlag an der Piazza Fontana in Mailand im Dezember 1969 oder der Anschlag auf den Bahnhof in Bologna mit einer sowjetischen Invasion zu tun? Sicher war die Bereitstellung eines klandestinen reaktonären Netzes für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Ostblock (und einer möglichen Besetzung durch Truppen des Warschauer Paktes) eine der Motivationen für den Aufbau dieser umfangreichen und weitverzweigten Struktur in fast allen westeuropäischen Ländern. Inhaltlich ging es dabei um die Sicherung der kapitalistischen Restauration in Westeuropa gegen die mögliche sozialistische oder nicht-kapitalistische Alternative. Dies war der übergeordnete politische Grund für die Etablierung von Gladio: die verdeckte Blockierung, Diskreditierung und Abdrängung einer nicht-kapitalistischen, den Interessen der restaurativen Machtzirkel unter der Hegemonie des US-Kapitals und von US-Instanzen entgegentretenden Alternative. An dieser Intention und an diesem Hintergrund hat sich bis heute nichts geändert. Oder vielmehr: es hat sich sehr viel daran geändert, die Inhalte sind andere geworden, und auch die Orte der Konflikte haben sich verschoben. Doch das Interesse des Establishments, die immer wieder neu bedrohte, auf Ungleichzeitigkeit und Ungerechtigkeit beruhende globale imperialistische Ordnung durchzusetzen – und dazu, innen wie außen, alle möglichen anderen Interessen als Menschheitsbedrohungen zu portraitieren und für den Krieg gegen diese Bedrohungen die Akzeptanz im Inneren zu schaffen – dies ist gleich geblieben. Es geht, heute wie im Jahr 1978, um die Fixierung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit – weg von einer umfassenden sozialen Entwicklung, von Ausgleich, Gerechtigkeit, Frieden, Verbesserung und Humanisierung der Gesundheitsversorgung, Ausbau der Beschäftigung usw. usf. – hin zu einer verarmten Phrase von Sicherheit, die wie ein Ding figuriert ist und für Versöhnung, Ausgleich, Frieden kaum mehr Raum läßt. Man könnte diese herrschende und skrupellose Strategie der Spannung und ihre Geschichte nachzeichnen. Daniele Ganser hat es versucht, u.a. in dem Buch `Illegale Kriege´.[5] Eine Station dabei war der sogenannte Bürgerkrieg in Irak seit 2004. In diesem Land hat nach der US-amerikanischen Invasion und der damit verbundenen kompletten Zerstörung der öffentlichen Infrastruktur, der Auflösung der Armee sowie der regierenden Baath-Partei die schiitische Bevölkerungsmehrheit und die von ihr gewählte Partei SCIRI – der Oberste Rat der Islamischen Revolution in Irak – die Macht übernommen. SCIRI hat sich am Nachbarland Iran orientiert, und mit dieser Konstellation drohte schon im zweiten Jahr der Invasion der imperiale Gewinn derselben und der Sinn des ganzen Krieges sich zu verflüchtigen. Genau in dieser Situation begann der Bürgerkrieg in dem ehemals wohlhabenden Land, beginnend mit dem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der UNO in Bagdad, die aus dem gesamten Prozeß draußen zu halten eine der Maximen des Bush/ Cheney-Regimes war. Seymour Hersh hat aufgezeigt, welch intransparente Rolle in diesem Bürgerkrieg die US-amerikanischen Special Forces spielten, die vom Weißen Haus damals aus der traditionellen Befehlskette des Pentagons herausgelöst und direkt dem Vizepräsidenten Cheney unterstellt wurden.[6] Aus dem amerikanischen Krieg und dem daraus folgenden Bürgerkrieg einerseits; und andererseits aus der in die 80er Jahre und nach Afghanistan zurückreichenden kooperativen Struktur zwischen CIA, saudischem Geheimdienst und Osama bin Laden entwickelte sich dann im Irak in einer Art Neukonstitution al Qaeda, aus der sich wiederum in Syrien der ISIS bzw. der Islamische Staat herausschälte und abspaltete. Die verschiedensten Islamisten wurden und werden als `Freheitshelden´ großzügig unterstützt via der Türkei und in von westlichen Diensten errichteten Lagern in Jordanien, aber auch durch einen regelrechten Fighter-Drain aus Westeuropa nach Syrien seit 2012, den die belgischen, bundesdeutschen, französischen usw. Behörden nicht nur durch Nichtstun unterstützten. Auch hierbei entstanden kooperative Strukturen in Segmente staatlicher Instanzen hinein.

  • Der Islamische Staat zeigt uns heute, wie scheinbar unsinnig es ist, sich über den Ausbau von Gesamtschulen den Kopf zu zerbrechen, über die Neuverteilung von Arbeit nachzudenken oder über eine generelle 35-Stunden-Woche, für eine soziale Umverteilung einzutrreten, sich für eine Stärkung des gesellschaftlichen Austauschs zu engagieren oder der immer weitergehenden Aushöhlung bürgerlicher Rechte und der immer umfassenderen Kontrolle der Einzelnen entgegenzutreten. Sinn macht anscheinend nur noch, sich über Sicherheit Gedanken zu machen; Angst zu haben; sich mit seinen sozialen und emanzipatorischen Phantasien zu mäßigen. Sinn macht anscheinend auch, die Kritik am Vorgehen der rechten israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern – ein Vorgehen, dessen deutlich formulierter Hintergrund die Schaffung eines Groß-Israels und die schrittweise Aneignung `unseres Landes´ ist – leise und unhörbar für sich zu behalten – sie jedenfalls nicht mehr in eine offensive politische Forderung einzubringen. Man sieht ja, wozu `die Islamisten´ alles fähig sind, wenn sie nicht mit harter Hand daran gehindert werden.

    Die harte Hand. Was die Islamisten betrifft und Westeuropa, so gibt es ein Muster. Höchst professionell auftretende Killer – ausgebildet in erstklassigen Kriegsakademien, um Carmine Pecorelli zu zitieren – verüben einen Anschlag. Zwei Tage später werden einige halbdurchgeknallte Kiffer als die Täter irgendwo in einer Baracke dingfest gemacht, und erschossen. So daß man sie also nicht mehr befragen kann. Das Vermittlungsglied ist ein Ausweis, den die Profis nicht nur zum Killen mitgenommen, sondern auch noch im Auto oder im Lastwagen vergessen haben. Mag man über diese Dinge nachdenken ? Es gibt einen Satz von Adorno: daran, wie wenig dem Geist genügt, sieht man, wie sehr er auf den Hund gekommen ist. Mag man über diese Dinge nachdenken ? Mag man denken, wo doch der gesellschaftliche Imperativ heißt: konsumieren?

    Die Ereignisse um die Entführung von Aldo Moro vor vierzig Jahren lassen sich nicht unmittelbar auf andere Ereignisse oder Länder übertragen. Sie zeigen vielmehr, was möglich ist und welche Interessen und Interessenkonstellationen im Hintergrund präsent sind. Man muß diese für jede Zeit und für jedes Land neu bestimmen. Man muß denken, nicht nur reproduzieren. Die Wahrheit nämlich ist konkret.

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