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Mai 23, 2018

Der mysteriöse Fall der „West Memphis Three“ — RT Deutsch


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Der Fall der „West Memphis Three“ ist außerhalb der USA kaum bekannt. Dabei verdient er durchaus Aufmerksamkeit, wirft er doch ein Schlaglicht auf die Justiz im „land of the free“.

von Ralph Petroff

5. Mai 1993, West Memphis, Arkansas: Es ist ein schöner Frühlingstag. Die Sonne scheint, und die drei Zweitklässler Steve Branch, Christopher Byers und Michael Moore verbringen den Nachmittag auf ihren Fahrrädern. Gegen 18 Uhr sieht man sie in der Nähe der sogenannten „Robin Hood Hills“, ein kleines Waldstück, in dem die Kinder der Gegend gerne spielen. Es sollte das letzte Mal sein, dass die drei lebend gesehen wurden.

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Am frühen Nachmittag des nächsten Tages werden ihre Leichen gefunden – in ebenjenem Waldstück. Sie sind übel zugerichtet, nackt und jeweils an Händen und Füßen zusammengebunden in einen kleinen Fluss geworfen worden. Auch die Kleidung und die Fahrräder der drei Jungs sind im Fluss versteckt worden. West Memphis, ein erzkonservatives Städtchen im „Bible Belt“ mit rund 30.000 Einwohnern, wird von einer Mischung aus Entsetzen und großem Zorn erfasst.

Es gab einige Ermittlungsansätze: Das Waldstück grenzt an die Interstate 40, direkt dahinter befinden sich ein Rastplatz und eine Waschanlage für Lastwagen, beide rund um die Uhr geöffnet. Nachbarn der Familien sowie Anwohner des Gebiets hätten wertvolle Zeugen sein können. Und so traurig das ist, als erstes muss im persönlichen Umfeld der Opfer gesucht werden – zumal gerade in diesem Fall die Fundsituation eine persönliche Beziehung zu den Opfern nahelegt.

Die Polizei von West Memphis ging einen anderen Weg: Einige Ermittler setzten sich in den Kopf, dass es sich um eine satanistischen Ritualmord gehandelt haben müsse. Und da kamen eigentlich nur zwei in Frage: der 18-jährige Damien Echols, der häufig schwarze Kleidung trug, Heavy Metal liebte, psychische Probleme und einen Hang zum Okkulten hatte, und sein 16-jähriger Freund Jason Baldwin.

Zwar war Baldwin ein ruhiger, schüchterner Junge, der gute Noten schrieb, auf seine kleinen Geschwister aufpasste und weder psychische Probleme noch Interesse am Okkulten hatte, aber wer mit einem wie Echols befreundet ist, der ist zu allem fähig …

Madsen selbst hatte sowohl den Mord als auch sexuellen Missbrauch abgestritten. Der Tod der 30-Jährigen sei ein tragischer Unfall gewesen, sagte er.

Gut einen Monat nach der Tat verhörte die Polizei den 17-jährigen Jessie Misskelley. Er war mit Echols und Baldwin lose bekannt, hatte wie Echols die Schule geschmissen und aufgrund eines IQ von ca. 72 seine Schulzeit größtenteils in Sonderschulklassen verbracht. Misskelley wurde stundenlang ohne Vater oder Anwalt verhört, doch nur etwa 45 Minuten davon sind auf Tonband festgehalten.

Er wurde so lange eingeschüchtert und belogen, bis er den Ermittlern erzählte, was sie hören wollten – oder besser, bis er dem zustimmte, was sie ihm mit Suggestivfragen und sonstigen Methoden der Beeinflussung vorgaben. Misskelley berichtete nun, er sei mit Echols und Baldwin am Tatort gewesen. Als die Kinder ankamen, hätten sich die beiden sich über sie hergemacht und sie geschlagen, geschnitten und vergewaltigt. Er selbst habe eines der Kinder festgehalten, das fliehen wollte, und sei dann gegangen.

Doch obwohl Misskelley die Vorgaben der Ermittler zu deren Zufriedenheit nachplapperte, enthält dieses „Geständnis“ groteske Fehler, die auf den ersten Blick hätten auffallen müssen: So behauptete Misskelley ursprünglich, die Tat habe sich gegen Mittag abgespielt; er sagte, die Kinder seien mit braunem Seil gefesselt worden, während es eigentlich ihre eigenen Schnürsenkel waren; er sagte, sie seien so gefesselt gewesen, dass sie hätten weglaufen können, was mit Händen, die an die Füße gefesselt sind, schwierig sein dürfte; er behauptete, die Kinder seien vergewaltigt worden, obwohl die Rechtsmedizin davon nichts feststellen konnte; er behauptete, die Kinder seien bekleidet geschlagen und geschnitten worden, obwohl die Kleidung weder Blutflecken noch Löcher hatte.

Die Polizei hatte also nichts als ein Geständnis, das keinerlei Täterwissen beinhaltet, das nicht von den Ermittlern selbst kam, sondern im Gegenteil sogar noch einige falsche Schlüsseldetails – doch in dieser aufgeheizten Stimmung reichte das für ein drakonisches Urteil: Jessie Misskelley wurde zu lebenslänglich plus 40 Jahren verurteilt, obwohl er selbst nach eigener Aussage nicht mehr getan hatte, als einmal Beihilfe zu leisten.

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Echols und Baldwin wurde zusammen der Prozess gemacht, an dessen Ende nach groteskem Verlauf – Zeugen waren unter anderem zweifelhafte Figuren, die ihre Aussage Jahre später widerrufen sollten, sowie ein „Experte für Okkultismus“, der seinen Doktortitel auf einer zweifelhaften Fernuni erwarb und seine Inkompetenz im Zeugenstand unter Beweis stellte – lebenslänglich für Baldwin und die Todesstrafe für Echols stand.

Dass dies nicht das Ende der Geschichte war, verdanken die „West Memphis Three“, wie sie in der Folge genannt wurden, dem Fernsehsender HBO. Dieser schickte vor den Prozessen ein Kamerateam nach West Memphis, um einen kurzen Report über die mordenden Satanisten in der Provinz zu drehen. Doch den Machern fielen die vielen Ungereimtheiten auf, sodass am Ende eine Doku über einen Justizirrtum entstand – „Paradise Lost„.

Diese Dokumentation, die noch zwei Fortsetzungen bekam, machte viele Menschen auf den Fall aufmerksam. 2007 schließlich wurden in einem durch die Anklage bestimmten Labor umfassende DNA-Tests durchgeführt. Das Ergebnis: Die meiste DNA stammte von den Opfern selbst, einige Spuren kamen von Angehörigen oder Ermittlern – doch nicht die geringste Spur stammte von den Angeklagten. Auch Hand- und Fußspuren, die damals am Tatort genommen wurden, konnten nicht den „West Memphis Three“ zugeordnet werden.

Der Druck auf die Justiz wuchs, und so einigte man sich mit den drei Verurteilten auf einen sogenannten Alford Plea – ein absurder juristischer Winkelzug, bei dem die Angeklagten zugeben, zu Recht verurteilt worden zu sein, allerdings dennoch auf ihrer Unschuld beharren können. Daraufhin wurde ein neues Urteil gefällt, das das Strafmaß auf 18 Jahre festlegte – genau die Zeit, die die drei bis dahin im Gefängnis verbracht hatten.

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Nun waren sie frei, und es ist logisch gesehen völlig klar, dass dies einem Freispruch gleichkommt – allein wegen ein paar Dokus und öffentlichem Druck lässt kein Staat drei verurteilte Kindermörder frei. Dennoch, juristisch betrachtet sind Echols, Baldwin und Misskelley immer noch verurteilte Mörder. Und der wahre Täter läuft mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch frei herum.

Eine der Lieblingsbands der drei war Metallica. In deren sarkastischem Stück „And Justice for All“ gibt es eine Passage, in der es heißt: „Seeking no truth, winning is all“ (es geht nicht um die Wahrheit, sondern ums Gewinnen). Eine Zeile, die selten so mit Leben gefüllt wurde wie im Falle der West Memphis Three. Drei kleine Jungs wurden getötet, die Leben dreier Teenager wurden schwer beschädigt – Ermittler, Richter und Staatsanwälte machten Karriere. Ein Fall, der nur ein Beispiel ist für die Justiz im „land of the free“.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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